Warum realistischer Optimismus nachhaltiger ist als positives Denken
Irena LampenWenn Menschen von Optimismus sprechen, entsteht oft ein bestimmtes Bild: Jemand denkt positiv, blendet Schwierigkeiten aus und glaubt fest daran, dass schon alles gut werden wird. Doch die wissenschaftliche Forschung zeichnet ein anderes Bild. Langfristig stabile und handlungsfähige Menschen sind nicht unbedingt diejenigen, die Probleme ignorieren. Vielmehr gelingt es ihnen, Herausforderungen wahrzunehmen, ohne sich von ihnen bestimmen zu lassen. Diese Haltung wird häufig als realistischer Optimismus beschrieben.
Realistischer Optimismus bedeutet nicht, die Welt schöner zu sehen, als sie ist. Er bedeutet, die Realität anzuerkennen und gleichzeitig davon auszugehen, dass Einflussmöglichkeiten bestehen. Gerade diese Verbindung aus Realismus und Zuversicht macht Optimismus besonders belastbar. Wer den Begriff schärfen will, muss ihn dabei auch von Hoffnung und Motivation abgrenzen – Begriffe, die im Alltag oft dasselbe meinen sollen und es doch nicht tun.
Was Optimismus in der Psychologie bedeutet
In der psychologischen Forschung wird Optimismus meist als eine allgemeine Erwartung verstanden, dass zukünftige Entwicklungen eher günstig als ungünstig verlaufen werden (nach Scheier & Carver, 1985). Dabei geht es nicht um blindes Hoffen. Das Modell von Carver und Scheier beschreibt Optimismus als Teil eines Selbstregulationsprozesses: Menschen verfolgen Ziele, bewerten Fortschritte und passen ihr Verhalten an. Optimistische Personen erwarten eher, dass sich Anstrengungen lohnen, und bleiben deshalb häufiger handlungsfähig (nach Carver & Scheier, 1998). Optimismus ist damit weniger ein Gefühl als eine Grundannahme über die Zukunft – eine Antwort auf die Frage: Lohnt es sich, weiterzumachen?
Der Begriff ist damit enger gefasst, als der Alltagsgebrauch vermuten lässt. Was realistischer Optimismus genau bedeutet, wo seine Grenzen liegen und woran man ihn von Zweckoptimismus unterscheidet, ist an anderer Stelle ausführlicher beschrieben.
Warum positives Denken allein oft nicht ausreicht
Die Idee des positiven Denkens wurde in den vergangenen Jahrzehnten populär. Viele Ratgeber vermitteln die Vorstellung, dass allein positive Gedanken zu positiven Ergebnissen führen. Die Professorin für Psychologie und Motivationsforscherin Gabriele Oettingen untersuchte über viele Jahre den Zusammenhang zwischen Wunschdenken und Zielerreichung. Ihre Studien zeigen, dass reine positive Fantasien kurzfristig angenehm wirken können, langfristig jedoch manchmal sogar die Motivation senken (nach Oettingen, 2014). Wer sich ausschließlich auf ein gewünschtes Ergebnis konzentriert, investiert unter Umständen weniger Energie in die tatsächliche Umsetzung.
Deshalb entwickelte Oettingen das Konzept des Mental Contrasting: Menschen betrachten sowohl ihr gewünschtes Ziel als auch die Hindernisse, die zwischen Gegenwart und Zukunft liegen. Gerade diese Kombination erhöht die Wahrscheinlichkeit zielgerichteten Handelns. Zuversicht wird besonders wirksam, wenn sie mit einer realistischen Einschätzung der Situation verbunden ist (nach Oettingen, 2014).
Realistischer Optimismus verbindet Hoffnung und Handlung
Realistischer Optimismus basiert auf einer einfachen, aber anspruchsvollen Haltung: Die Situation ist, wie sie ist – und dennoch gibt es Möglichkeiten, sie zu beeinflussen. Martin Seligman beschreibt Optimismus unter anderem als eine erlernbare Art, Ereignisse zu interpretieren (nach Seligman, 1991). Menschen unterscheiden sich darin, wie sie Rückschläge erklären. Wer Misserfolge als dauerhaft, allumfassend und persönlich verursacht betrachtet, erlebt häufiger Hilflosigkeit. Wer dagegen zwischen Situation und eigener Identität unterscheidet und Veränderungsmöglichkeiten erkennt, bleibt eher handlungsfähig (nach Seligman, 1991).
Davon zu unterscheiden ist die Überzeugung, eine bestimmte Handlung auch tatsächlich ausführen zu können. Albert Bandura nennt das Selbstwirksamkeit (nach Bandura, 1997). Optimismus betrifft die Erwartung an das Ergebnis, Selbstwirksamkeit die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten. Im Alltag greifen beide ineinander: Die Annahme, dass sich etwas ändern lässt, trägt weiter, wenn man sich zutraut, den ersten Schritt selbst zu tun.
Warum diese Haltung psychisch stabiler macht
Optimismus beeinflusst, wie Menschen zukünftige Ereignisse bewerten und wie sie mit Unsicherheit umgehen. Studien zeigen, dass optimistische Menschen Belastungen häufig als bewältigbarer einschätzen (nach Solberg Nes & Segerstrom, 2006). Langzeituntersuchungen zeigen zudem Zusammenhänge zwischen Optimismus und psychischer Gesundheit, körperlichem Wohlbefinden sowie höherer Lebenszufriedenheit (nach Carver et al., 2010).
Diese Befunde stammen allerdings überwiegend aus Beobachtungsstudien. Sie beschreiben Zusammenhänge, keine bewiesenen Ursachen. Ob eine optimistische Grundhaltung die Gesundheit stützt oder ob Menschen, denen es ohnehin gut geht, leichter optimistisch bleiben, lässt sich aus solchen Daten nicht entscheiden. Wer sagt, Optimismus mache nachweislich gesund, sagt mehr, als die Datenlage hergibt.
Dabei scheint nicht die positive Erwartung allein entscheidend zu sein. Optimismus unterstützt Verhaltensweisen, die langfristig hilfreich sind: Menschen bleiben länger an wichtigen Zielen dran, suchen häufiger nach Lösungen, investieren mehr in soziale Beziehungen und geben bei Rückschlägen seltener sofort auf (nach Carver et al., 2010). Optimismus wirkt damit weniger wie eine rosarote Brille und eher wie ein psychologischer Energielieferant für Handlung.
Die eigentliche Stärke des Optimismus
Die größte Stärke des Optimismus besteht darin, trotz Unsicherheit und möglicher Rückschläge handlungsfähig zu bleiben. Realistischer Optimismus sagt nicht: Alles wird gut. Er sagt: Es gibt Gründe, weiterzugehen und Einfluss zu nehmen. Und genau darin liegt seine Stabilität.
Eine kleine Reflexionsübung
Diese Haltung lässt sich im Alltag üben, und zwar in kleinen Schritten. Wenn eine Herausforderung auftaucht, notiere drei kurze Antworten:
- Was ist die Realität der Situation?
- Was liegt außerhalb meines Einflusses?
- Was liegt innerhalb meines Einflusses?
Diese Übung verbindet Akzeptanz mit Handlungsspielraum. Sie verändert die Situation nicht unmittelbar – aber sie kann helfen, den Blick von bloßer Reaktion auf mögliche Gestaltung zu lenken. Neu ist der Gedanke nicht: Die Unterscheidung zwischen dem, was in unserer Macht steht, und dem, was nicht, steht schon am Anfang von Epiktets Handbüchlein der Moral.
Quellen
Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. Freeman.
Carver, C. S., & Scheier, M. F. (1998). On the self-regulation of behavior. Cambridge University Press.
Carver, C. S., Scheier, M. F., & Segerstrom, S. C. (2010). Optimism. Clinical Psychology Review, 30(7), 879–889. doi.org/10.1016/j.cpr.2010.01.006
Epiktet. Handbüchlein der Moral (Encheiridion). (Originalwerk ca. 108 n. Chr.; dt. Ausgabe 2014, Reclam).
Oettingen, G. (2014). Rethinking positive thinking: Inside the new science of motivation. Current.
Scheier, M. F., & Carver, C. S. (1985). Optimism, coping, and health: Assessment and implications of generalized outcome expectancies. Health Psychology, 4(3), 219–247. doi.org/10.1037/0278-6133.4.3.219
Seligman, M. E. P. (1991). Learned optimism. Knopf.
Solberg Nes, L., & Segerstrom, S. C. (2006). Dispositional optimism and coping: A meta-analytic review. Personality and Social Psychology Review, 10(3), 235–251. doi.org/10.1207/s15327957pspr1003_3
