Optimismus trainieren: 3 Gewohnheiten, die wirklich tragen

Optimismus trainieren: 3 Gewohnheiten, die wirklich tragen

Irena Lampen

Optimismus lässt sich lernen. Das ist keine Motivationsformel, sondern die zentrale These von Martin Seligmans Arbeit: Die Art, wie wir uns Ereignisse erklären, ist eine Gewohnheit – und Gewohnheiten lassen sich ändern (Seligman, 1991).

Nur passiert das nicht durch einen Entschluss. Wer sich vornimmt, ab morgen optimistischer zu sein, hat übermorgen einen gebrochenen Vorsatz und sonst nichts.

Was funktioniert, ist unspektakulärer: kleine, wiederholte Denkbewegungen. Hier sind drei, die eine Grundlage haben – und eine ehrliche Einschätzung, was sie leisten und was nicht.

Warum Wiederholung und nicht Entschluss

Unser Gehirn bewertet Situationen nicht neutral. Es filtert und gewichtet auf Basis dessen, was schon da ist. Wiederholte Bewertungen bahnen sich – das ist der Kern dessen, was populär Neuroplastizität heißt (Doidge, 2007). Was wir oft denken, denken wir leichter.

Das ist bewusst vorsichtig formuliert: Wie genau sich Denkgewohnheiten neuronal niederschlagen, ist deutlich komplizierter als die populäre „Nervenbahnen wie Trampelpfade"-Metapher. Wer tiefer einsteigen will – warum das im Gehirn Spuren hinterlässt, haben wir separat aufgeschrieben.

Für die Praxis reicht der schlichte Teil: Einmal reicht nicht. Oft schon.

Gewohnheit 1: Die Einfluss-Frage

Die spontane Frage bei Schwierigkeiten lautet meist: Warum passiert das? Sie ist verständlich und führt oft nirgendwohin.

Die produktivere Frage: Was liegt hier in meinem Einfluss?

Dahinter steht Albert Banduras Konzept der Selbstwirksamkeit – der Überzeugung, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können. Diese Überzeugung wächst nicht durch Zuspruch, sondern durch Bewältigungserfahrungen: durch das wiederholte Erleben, dass eigenes Handeln gewirkt hat (Bandura, 1997).

Die Einfluss-Frage produziert genau solche Erfahrungen – in kleiner Münze, aber regelmäßig.

Was sie nicht leistet: Sie hilft nicht bei Dingen, die tatsächlich außerhalb des eigenen Einflusses liegen. Manchmal ist die ehrliche Antwort „nichts" – und dann ist die Frage beantwortet und die Energie gespart. Auch das ist ein Ergebnis.

Gewohnheit 2: Gelungenes bewusst festhalten

Unser Gehirn gewichtet Probleme stärker als Gelungenes. Der Befund ist gut belegt und trägt einen prägnanten Titel: Bad is stronger than good (Baumeister et al., 2001). Neun Dinge laufen gut, eines nicht – und abends erinnern wir das eine.

Die Gewohnheit dagegen: abends drei konkrete Dinge notieren, die gelungen sind. Entscheidend ist das Warum. Nicht „gutes Gespräch", sondern „das Gespräch lief gut, weil ich zugehört habe, statt gleich zu antworten".

Das Warum macht den Unterschied. Es verschiebt die Erklärung von „Glück gehabt" zu „ich habe etwas getan" – und genau diese Erklärung ist es, die Seligman als optimistischen Deutungsstil beschreibt.

Wer diesen Blick auf das bereits Vorhandene weiter vertiefen möchte: Dankbarkeit arbeitet mit demselben Mechanismus.

Was sie nicht leistet: Die meisten Menschen hören nach vier Tagen auf. Nicht aus Desinteresse, sondern weil drei Dinge plus Begründung abends um elf zu viel Arbeit sind. Wenn das passiert: Reduziere auf ein Ding. Eine Sache über Monate schlägt drei Sachen über eine Woche.

Gewohnheit 3: Genauer formulieren

Sprache ist nicht nur Ausdruck der Haltung. Sie gestaltet sie mit.

Am besten belegt ist das in der Emotionsforschung. James Gross ließ Versuchspersonen einen unangenehmen Film ansehen – die einen sollten das Gesehene bewusst anders einordnen, die anderen ihre Reaktion unterdrücken. Das Ergebnis: Die Neubewertung dämpfte das Erleben tatsächlich, ohne körperliche Kosten. Die Unterdrückung veränderte nur die Miene – und erhöhte die körperliche Anspannung (Gross, 1998).

Es macht also einen messbaren Unterschied, ob man eine Situation neu einordnet oder nur das Gesicht wahrt.

Praktisch heißt das zweierlei.

Erstens: Wörter, die den Rahmen setzen. „Problem" aktiviert Bedrohung und Vermeidung. „Aufgabe" oder „offene Frage" verschiebt den Fokus zur Lösung. Dieselbe Lage, anderer Zugang.

Zweitens: Wörter, die Dauer behaupten. Seligman beschreibt, dass wir Rückschläge entweder als dauerhaft und allumfassend deuten – oder als situativ und veränderbar. Der Unterschied steckt oft in einem einzigen Wort:

  • Nicht „immer" – sondern „diesmal"
  • Nicht „nie" – sondern „noch nicht"
  • Nicht „Ich kann das nicht" – sondern „Ich kann das noch nicht sicher"

Eine ehrliche Einschränkung: Das ist keine Zauberei, und es wird oft überverkauft. „Das ist komplex" statt „Das ist ein Desaster" verändert nicht die Lage. Es hält nur den Denkraum offen, in dem noch etwas passieren kann. Wer das mit Realitätsverleugnung verwechselt, landet bei genau der Sorte Positivität, die realistischer Optimismus gerade nicht meint.

Wo diese Gewohnheiten scheitern

Große Vorsätze scheitern selten am Willen. Sie scheitern an Aufwand. James Clear und BJ Fogg kommen unabhängig voneinander zum selben Schluss: Verhalten, das leicht ist, wiederholt sich; Verhalten, das anstrengt, nicht (Clear, 2018; Fogg, 2020).

Deshalb: eine Gewohnheit, nicht drei. Und angeheftet an etwas, das ohnehin passiert – Zähneputzen, Kaffee, Heimweg. Ein fester Zeitpunkt trägt mehr als guter Vorsatz; wie das aussehen kann, steht bei den Morgenroutinen.

Und noch etwas: Keine dieser Gewohnheiten hilft gegen echte Belastung. Sie sind keine Therapie und ersetzen keine. Wer über längere Zeit nicht mehr herauskommt, braucht kein Notizbuch, sondern Unterstützung.

Ein Vorschlag für sieben Tage

Wähle eine der drei. Nicht alle.

Beobachte nach einer Woche nicht, ob du positiver geworden bist – das wäre die falsche Frage und meist auch die falsche Antwort. Beobachte, ob deine Reaktionen klarer werden. Ob dir schneller einfällt, was du tun kannst.

Das ist ein bescheideneres Ziel. Es hat den Vorteil, erreichbar zu sein.

Quellen

  • Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. Freeman.
  • Baumeister, R. F., Bratslavsky, E., Finkenauer, C., & Vohs, K. D. (2001). Bad is stronger than good. Review of General Psychology, 5(4), 323–370. doi.org/10.1037/1089-2680.5.4.323
  • Clear, J. (2018). Atomic habits. Avery.
  • Doidge, N. (2007). The brain that changes itself. Viking.
  • Fogg, B. J. (2020). Tiny habits: The small changes that change everything. Houghton Mifflin Harcourt.
  • Gross, J. J. (1998). Antecedent- and response-focused emotion regulation: Divergent consequences for experience, expression, and physiology. Journal of Personality and Social Psychology, 74(1), 224–237. doi.org/10.1037/0022-3514.74.1.224
  • Seligman, M. E. P. (1991). Learned optimism. Knopf.
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