Optimismus im Gehirn: zwischen Zuversicht und Selbsttäuschung

Optimismus im Gehirn: zwischen Zuversicht und Selbsttäuschung

Irena Lampen

Hast du dich schon einmal gefragt, warum manche Menschen selbst in unklaren Situationen Ruhe und Zuversicht ausstrahlen? Das Geheimnis liegt nicht im Zufall – es steckt in der Art, wie ihr Gehirn denkt. In diesem Beitrag geht es darum, wie realistischer Optimismus mit dem zusammenhängt, was im Gehirn tatsächlich passiert – und wo die Forschung dazu belastbar ist und wo nicht.

Erwartungen sind kein Zufall

Unser Gehirn arbeitet nicht neutral. Es ist ein Vorhersageorgan.

Ein einflussreiches – wenn auch nicht unumstrittenes – Modell der Neurowissenschaft, das Predictive Processing, beschreibt das Gehirn als System, das fortlaufend Erwartungen über die Zukunft bildet und neue Informationen mit diesen Erwartungen abgleicht.

Optimismus beeinflusst genau diesen Prozess: Er formt die Qualität unserer Erwartungen.

Die Neurowissenschaftlerin Tali Sharot hat gezeigt, dass Menschen ihre Überzeugungen deutlich stärker an guten Nachrichten anpassen als an schlechten – ein Ungleichgewicht, das sie als Optimism Bias beschreibt (Sharot, Korn & Dolan, 2011).

Wichtig ist, was das ist und was nicht. Der Optimism Bias ist keine Fähigkeit und keine Haltung, die man kultivieren könnte. Er ist eine systematische Verzerrung – und er hat einen Preis: Wer schlechte Nachrichten schwächer verrechnet, unterschätzt reale Risiken. Sharots eigene Arbeit zeigt genau das, bis hin zu Fehleinschätzungen bei Gesundheit und Geld (Sharot, 2011). Dass diese Verzerrung evolutionär eine Funktion erfüllt haben könnte, wird diskutiert – belegt ist es nicht.

Der Punkt ist also nicht, dass die Verzerrung gut wäre. Der Punkt ist, dass unser Gehirn ohnehin nicht neutral gewichtet. Es ist immer schon eine Frage, wohin die Aufmerksamkeit fällt – und das ist eine Frage, die sich beantworten lässt, statt sie dem Zufall zu überlassen.

Optimismus und Stressverarbeitung

Studien zeigen, dass dispositioneller Optimismus mit geringerer Stressreaktivität und besserer emotionaler Regulation einhergeht (Carver & Scheier, 2014). Optimistisch orientierte Menschen interpretieren Belastungen häufiger als bewältigbar – und dieser Unterschied lässt sich bis in physiologische Stressmarker hinein nachweisen. Es handelt sich dabei um Zusammenhänge, nicht um nachgewiesene Wirkketten.

Wichtig ist: Optimismus eliminiert Stress nicht. Er verändert die Bewertung von Stress.

Und Bewertung ist neurologisch relevant. Präfrontale Hirnregionen sind an Regulation und Einordnung beteiligt – wie genau ihre Aktivität mit einer konstruktiven Deutung von Situationen zusammenhängt, ist Gegenstand laufender Forschung und nicht abschließend geklärt.

Neuroplastizität: Haltung ist formbar

Das Gehirn bleibt formbar.

Dass Erfahrungen und wiederholte Gedankenmuster Spuren in neuronalen Netzwerken hinterlassen, ist als Neuroplastizität bekannt und populär vor allem durch Norman Doidges Buch The Brain That Changes Itself beschrieben worden (2007).

Von dort ist es allerdings ein größerer Schritt, als es oft klingt, bis zu der Annahme, dass wiederholte konstruktive Bewertungen gezielt jene Verbindungen stärken, die für Zuversicht und Selbstwirksamkeit relevant sind. Die Plastizität des Gehirns macht diesen Gedanken plausibel – sie belegt ihn nicht. Was sich sagen lässt: Optimismus ist keine rein angeborene Eigenschaft, und die Forschung zu dispositionellem Optimismus legt nahe, dass die Haltung zumindest teilweise kultivierbar ist.

Wie das praktisch aussieht – welche Gewohnheiten tragen, wie lange es dauert, woran man merkt, dass sich etwas bewegt –, ist ein eigenes Thema: Optimismus lässt sich trainieren.

Realistischer Optimismus

Entscheidend ist die Balance. Die Forschung unterscheidet zwischen unrealistischem Optimismus – der Neigung, die eigenen Risiken systematisch niedriger einzuschätzen als die anderer (Weinstein, 1980) – und einer zuversichtlichen Haltung, die Chancen sieht, ohne Fakten auszublenden.

Realistischer Optimismus:

  • erkennt Unsicherheit an
  • kalkuliert Risiken
  • geht dennoch von Handlungsspielraum aus

Er verändert nicht die Tatsachen, sondern die innere Ausgangsposition.

Zwei Prognosen statt einer

Der Mechanismus lässt sich an einem einfachen Gedanken zeigen. Stell dir vor, du stehst vor einer offenen Situation und formulierst nicht eine Prognose, sondern zwei: eine nüchterne Risikoabschätzung und eine bewusst konstruktive Möglichkeit.

Nicht, um dich zu überzeugen – sondern weil ein Gehirn, das ohnehin ständig Erwartungen bildet, dann wenigstens mehr als eine zur Auswahl hat. Zukunft ist nicht eindimensional.

Schlussgedanke

Optimismus ist nicht nur eine innere Haltung – er zeigt sich auch im Gehirn.

Eine realistische, zuversichtliche Perspektive beeinflusst, wie wir Informationen verarbeiten, Erwartungen bilden und Entscheidungen treffen. Sie verändert weniger die Welt – aber deutlich die Art, wie wir ihr begegnen.

Quellen

  • Carver, C. S., & Scheier, M. F. (2014). Dispositional optimism. Trends in Cognitive Sciences, 18(6), 293–299. doi.org/10.1016/j.tics.2014.02.003
  • Doidge, N. (2007). The brain that changes itself. Viking.
  • Sharot, T. (2011). The optimism bias. Current Biology, 21(23), R941–R945. doi.org/10.1016/j.cub.2011.10.030
  • Sharot, T., Korn, C. W., & Dolan, R. J. (2011). How unrealistic optimism is maintained in the face of reality. Nature Neuroscience, 14(11), 1475–1479. doi.org/10.1038/nn.2949
  • Weinstein, N. D. (1980). Unrealistic optimism about future life events. Journal of Personality and Social Psychology, 39(5), 806–820. doi.org/10.1037/0022-3514.39.5.806
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