Abendroutinen: Warum gute Tage oft am Vorabend beginnen

Abendroutinen: Warum gute Tage oft am Vorabend beginnen

Irena Lampen

Kleine Gewohnheiten am Abend können den nächsten Tag leichter machen

Viele Menschen beginnen den Tag mit der Frage, wie sie morgens produktiver, gelassener oder motivierter sein können. Dabei beginnt ein guter Morgen häufig schon am Abend zuvor: Schlaf, Stressregulation und abendliche Gewohnheiten wirken sich darauf aus, wie aufmerksam und emotional ausgeglichen wir am nächsten Tag sind (nach Irish et al., 2015).

Es geht dabei nicht um die perfekte Abendroutine oder ein starres Ritual. Vielmehr können kleine, bewusst gewählte Gewohnheiten helfen, den Tag abzuschließen und den nächsten entspannter zu beginnen. Eine gute Abendroutine ist deshalb weniger ein Produktivitätstool als eine Form der Selbstfürsorge.

Warum der Abend oft unterschätzt wird

Viele von uns investieren viel Energie in den Start des Tages – wir stellen den Wecker früher, planen den Morgen oder suchen nach der idealen Morgenroutine. Der Abend hingegen verläuft oft eher beiläufig: noch schnell eine Mail beantworten, kurz durch Social Media scrollen, die Nachrichten schauen, den nächsten Tag gedanklich schon durchgehen.

Der Körper merkt davon zunächst wenig Unterschied. Das Gehirn dagegen schon: Die Stunden vor dem Schlafengehen beeinflussen, wie leicht wir abschalten können und wie erholsam der Schlaf ausfällt (nach Irish et al., 2015). Der nächste Tag beginnt deshalb nicht erst mit dem Klingeln des Weckers, sondern oft schon mit dem, was am Abend zuvor passiert ist.

Warum Routinen den Übergang erleichtern

Wiederkehrende Abläufe geben Orientierung. Eine feste Abendroutine kann dem Körper signalisieren, dass der aktive Teil des Tages zu Ende geht – und solche Übergänge können die Schlafbereitschaft unterstützen und vielen Menschen helfen, leichter zur Ruhe zu kommen (nach Irish et al., 2015).

Dabei geht es nicht um Perfektion. Schon wenige, regelmäßig wiederholte Handlungen können sich mit der Zeit zu stabilen Gewohnheiten entwickeln. Wie lange das dauert, ist individuell sehr verschieden: In einer Alltagsstudie brauchte es im Mittel gut zwei Monate, bei manchen Teilnehmenden aber nur knapp drei Wochen, bei anderen mehr als ein halbes Jahr (nach Lally et al., 2010).

Schlaf ist keine Pause, sondern aktive Regeneration

Während wir schlafen, bleibt das Gehirn aktiv. Dass Schlaf kein passiver Zustand ist, sondern eine Phase, in der Gedächtnisinhalte stabilisiert und neu geordnet werden, gehört zu den besser belegten Befunden der Schlafforschung (nach Diekelmann & Born, 2010). Populär gemacht hat diese Sicht vor allem das Sachbuch Why We Sleep von Matthew Walker (2017) – ein Buch, das seit 2019 in der Kritik steht, weil es die Datenlage an mehreren Stellen deutlicher darstellt, als sie ist. Der Kerngedanke bleibt davon unberührt, die dramatischeren Zuspitzungen sollte man mit Vorsicht lesen.

Wer dauerhaft schlecht schläft, bemerkt das häufig nicht nur an Müdigkeit – auch Konzentration, Geduld und Stimmung können darunter leiden. Eine Abendroutine kann guten Schlaf nicht garantieren. Sie kann jedoch Bedingungen schaffen, unter denen Erholung wahrscheinlicher wird.

Vier kleine Gewohnheiten, die den Abend entspannter machen können

1. Den Tag bewusst abschließen

Viele Gedanken begleiten uns bis ins Bett. Eine einfache Möglichkeit besteht darin, sie aufzuschreiben: Was war heute wichtig? Was kann bis morgen warten? In einer Laborstudie schliefen Teilnehmende, die vor dem Zubettgehen offene Aufgaben notierten, etwas schneller ein als jene, die stattdessen Erledigtes aufschrieben (nach Scullin et al., 2018). Der Unterschied lag bei wenigen Minuten, und es handelt sich um eine einzelne Studie – aber der Gedanke dahinter ist plausibel: Was auf dem Papier steht, muss der Kopf nicht mehr festhalten.

2. Das Handy weglegen – aber aus dem richtigen Grund

Smartphones sind nicht grundsätzlich problematisch. Nutzung im Bett hängt allerdings mit schlechterem Schlaf zusammen: In einer Befragung unter Erwachsenen sagte Handynutzung nach dem Lichtausschalten längere Einschlafzeiten, mehr Schlafstörungen und mehr Müdigkeit am Folgetag vorher (nach Exelmans & Van den Bulck, 2016). Einschränkend: Das ist eine Querschnittsbefragung mit Selbstauskunft. Sie zeigt einen Zusammenhang, keine Ursache – wer schlecht schläft, greift möglicherweise auch eher zum Handy.

Interessanter als das Ob ist ohnehin das Warum. Populär ist die Blaulicht-Erklärung: Das Display unterdrücke die Melatoninausschüttung. Der bekannteste Beleg dafür ist eine kleine Laborstudie – vier Stunden Lesen auf einem hell leuchtenden E-Reader gegen vier Stunden gedrucktes Buch (nach Chang et al., 2015). Unter diesen Bedingungen zeigt sich der Effekt tatsächlich. Nur liest kaum jemand abends vier Stunden bei voller Helligkeit.

Es gibt allerdings eine schlichtere Erklärung, die ohne Melatonin auskommt: Das Handy stört den Schlaf vielleicht gar nicht. Es verschiebt ihn. Wer scrollt, liegt wach – nicht wegen der Lichtfarbe, sondern weil er scrollt. Die Zeit, die im Feed vergeht, fehlt hinterher beim Schlafen.

Diese Erklärung hat einen praktischen Vorteil: Sie braucht keine Filter-App, keine Brille und keinen Nachtmodus. Es reicht, das Gerät außer Reichweite zu legen – nicht als Lichtschutz, sondern damit man gar nicht erst anfängt.

3. Ein kleiner Moment der Dankbarkeit

Dankbarkeit verändert nicht den vergangenen Tag. Sie kann jedoch beeinflussen, worauf wir im Rückblick unsere Aufmerksamkeit richten. In einer frühen Studienreihe notierten Teilnehmende über mehrere Wochen regelmäßig, wofür sie dankbar waren; sie berichteten anschließend etwas höheres Wohlbefinden als Vergleichsgruppen (nach Emmons & McCullough, 2003). Die Effekte waren moderat, nicht umwälzend. Warum ein kurzer Rückblick auf den Tag trotzdem etwas verschieben kann, haben wir an anderer Stelle ausführlicher beschrieben. Dabei müssen es keine großen Ereignisse sein – ein gutes Gespräch, ein Spaziergang oder ein ruhiger Moment reichen oft schon aus.

4. Den nächsten Tag vorbereiten

Eine Tasche packen, Kleidung bereitlegen, kurz in den Kalender schauen: Solche kleinen Vorbereitungen verlagern Entscheidungen vom Morgen in den Abend, an dem sie meist leichter fallen. Dafür braucht es keine Theorie – ein entspannter Morgen beginnt oft mit einer kleinen Entscheidung am Abend.

Abendroutinen sind keine To-do-Liste

Vielleicht ist an einer Abendroutine weniger wichtig, was konkret getan wird, sondern wie der Tag beendet wird: mit dem Gefühl, noch alles erledigen zu müssen, oder mit der Erlaubnis, dass der Tag genug war. Wer viel Verantwortung trägt, neigt oft dazu, den Tag gedanklich weiterzuführen. Erholung braucht dennoch Raum – nicht als Belohnung, sondern als Voraussetzung dafür, am nächsten Tag wieder aufmerksam und handlungsfähig zu sein.

Die Verbindung zu Optimismus

Realistischer Optimismus richtet den Blick auf das, was sich beeinflussen lässt (nach Carver & Scheier, 2014). Eine Abendroutine gehört genau in diesen Bereich: Sie verändert nicht die Herausforderungen des nächsten Tages, kann aber die Ausgangsbedingungen verbessern, mit denen ihnen begegnet wird.

Auch hier gilt: Zuversicht wächst aus Wiederholung – nicht aus einem einzelnen gelungenen Abend, sondern aus der wiederholten Erfahrung, dass man den eigenen Tag an einer Stelle beeinflussen kann. Nicht jeder Abend verläuft ruhig, nicht jede Nacht ist erholsam. Kleine, bewusst gewählte Gewohnheiten können trotzdem dazu beitragen, den nächsten Tag mit etwas mehr Gelassenheit zu beginnen.

Schlussgedanke

Eine gute Abendroutine muss nicht spektakulär sein. Oft reicht es, das Handy etwas früher wegzulegen, den Tag mit einem ruhigen Gedanken abzuschließen und sich selbst zuzugestehen, dass für heute genug getan wurde. Was daraus am nächsten Morgen wird – wie ein bewusster Start wirkt und welche Entscheidungen er einem abnimmt – ist ein eigenes Thema: Der Morgen danach.

Quellen

  • Carver, C. S., & Scheier, M. F. (2014). Dispositional optimism. Trends in Cognitive Sciences, 18(6), 293–299. doi.org/10.1016/j.tics.2014.02.003
  • Chang, A.-M., Aeschbach, D., Duffy, J. F., & Czeisler, C. A. (2015). Evening use of light-emitting eReaders negatively affects sleep, circadian timing, and next-morning alertness. Proceedings of the National Academy of Sciences, 112(4), 1232–1237. doi.org/10.1073/pnas.1418490112
  • Diekelmann, S., & Born, J. (2010). The memory function of sleep. Nature Reviews Neuroscience, 11(2), 114–126. doi.org/10.1038/nrn2762
  • Emmons, R. A., & McCullough, M. E. (2003). Counting blessings versus burdens: An experimental investigation of gratitude and subjective well-being in daily life. Journal of Personality and Social Psychology, 84(2), 377–389. doi.org/10.1037/0022-3514.84.2.377
  • Exelmans, L., & Van den Bulck, J. (2016). Bedtime mobile phone use and sleep in adults. Social Science & Medicine, 148, 93–101. doi.org/10.1016/j.socscimed.2015.11.037
  • Irish, L. A., Kline, C. E., Gunn, H. E., Buysse, D. J., & Hall, M. H. (2015). The role of sleep hygiene in promoting public health: A review of empirical evidence. Sleep Medicine Reviews, 22, 23–36. doi.org/10.1016/j.smrv.2014.10.001
  • Lally, P., van Jaarsveld, C. H. M., Potts, H. W. W., & Wardle, J. (2010). How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social Psychology, 40(6), 998–1009. doi.org/10.1002/ejsp.674
  • Scullin, M. K., Krueger, M. L., Ballard, H. K., Pruett, N., & Bliwise, D. L. (2018). The effects of bedtime writing on difficulty falling asleep: A polysomnographic study comparing to-do lists and completed activity lists. Journal of Experimental Psychology: General, 147(1), 139–146. doi.org/10.1037/xge0000374
  • Walker, M. (2017). Why we sleep: Unlocking the power of sleep and dreams. Scribner.
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